The Procession

Text von Hilke Wagner

Bei der Präsentation von The Procession in der kestnergesellschaft war Thomas Hirschhorn vor allem an einer weitestgehenden räumlichen Offenheit gelegen und so ist die Arbeit nun von allen Seiten betretbar und (selbst von der Straße) einsehbar. Ausdrücklich aber ist The Procession konzipiert als begehbare Skulptur, der von innen – und eben nicht nur von außen – sowie frei, ohne gelenkte Blickrichtung oder vorgegebene Dramaturgie, begegnet werden soll.

Die Distanz zum Werk – nicht nur die räumliche – abzubauen, war und ist stets ein primäres Anliegen des 1957 in Bern geborenen und seit 1984 in Paris lebenden Künstlers. Einfache, gewöhnliche Materialien wie Klebebänder, Pappkartons, Zeitungsausschnitte oder Fotokopien sowie das Unperfekte, scheinbar Improvisierte und mitunter explizit Prekäre seiner Arbeit insgesamt lassen die Ehrfurcht vor dem Werk schwinden und ermöglichen eine direkte inhaltliche Begegnung, ohne den Betrachter durch formale Perfektion einzuschüchtern. Der Griff zu armen Werkstoffen ist in diesem Sinne Teil derselben Strategie wie das Transferieren bestimmter Werke in den öffentlichen Raum. Hier – vorwiegend an kunstfremden Orten wie Unterführungen oder Vororten – konstruierte Hirschhorn in der Vergangenheit "Altäre" oder "Monumente", die er Schriftstellern oder Philosophen wie Spinoza (Amsterdam, 1999), Deleuze (Avignon, 2000) oder Bataille (Kassel, 2002) widmete. Im Rahmen der Documenta11 wurde in einer Kasseler Siedlung in Containern heterogenes Bild- und Textmaterial zu George Bataille präsentiert und so die Sammel- und Ausstellungsfunktion des Museums in den öffentlichen Raum hinausgetragen. Das Kasseler Bataille-Monument, das in Zusammenarbeit mit Jugendlichen aus der Nachbarschaft entstand, unterlief die gängigen Vorstellungen vom Denkmal: aus Klebeband und Sperrholz geschaffen, war es bar jeder Autorität und nicht für die Ewigkeit gemacht.

"Für mich ist Kunst ein Werkzeug, ein Werkzeug, um mich mit der Realität zu konfrontieren, ein Werkzeug, um die Zeit, in der ich lebe, zu erfahren, und ein Werkzeug, um die Welt kennen zu lernen", sagt Hirschhorn. Seine Arbeiten sind somit zu verstehen als persönliche Assoziationslandschaften, in denen er, ohne "politische oder andere Absichten" zu vertreten, exzessiv und gleichzeitig um Präzision bemüht, eben das aufzuzeigen versucht, was ihn selbst in Not bringt: "Durch und mit meiner künstlerischen Arbeit will ich mich mit der Realität auf der Höhe ihrer Komplexität, ihrer Dichte und Unbegreiflichkeit auseinander setzen, ich will inmitten der Unübersichtlichkeit handeln – ich will mutig sein, ich will mich nicht einschläfern lassen, ich will weiterarbeiten und ich will glücklich sein." Auf diese Weise entstehen Werke, die in ihrer Komplexität, durch ihre Text- und Bilderflut und durch das Verbinden heterogener Themenfelder, den Betrachter mitunter genauso überfordern wie die vielschichtige Realität mit ihren tiefen Widersprüchlichkeiten selbst. Dabei möchte Thomas Hirschhorn nichts dramatisieren, herausstellen oder auswählen, sondern vielmehr "in Frage stellen, behaupten, riskieren, versuchen, die Konditionen für eine Konfrontation zu schaffen." Thomas Hirschhorn will keine Überzeugungsarbeit leisten, sondern bietet eine Plattform zur Auseinandersetzung. Nach eigener Aussage geht es ihm nicht darum, zynisch zu polemisieren oder selbstgerecht zu kritisieren. Jeglicher Moralismus ist ihm zuwider. Seine Kunst entspringt vielmehr dem Willen "einverstanden" zu sein, Verantwortung zu übernehmen und sich Ungehorsam und Widerständigkeit zu bewahren. Allein: "Eine Aussage muss in der Arbeit und nicht durch die Arbeit geschehen. Ich will keine politische Kunst, sondern politisch Kunst machen." Werk und Betrachter begegnen sich gleichberechtigt auf einer Ebene, die Konfrontation ist unmittelbar und direkt. Und so ist die vorrangige Frage, die Hirschhorn an sich und seine Arbeit stellt: "Bin ich fähig, mit meiner Arbeit Begegnungen zu schaffen? Bin ich fähig, durch meine Arbeit Ereignisse zu erzeugen?"

Im Zentrum von The Procession stehen existentielle Fragen nach Tod und Religion, nach Hass und Liebe, nach Gewalt und religiösem Extremismus aber auch nach Trauer und Verlust. Daneben steht aber auch die Faszination von Begräbnisritualen, wie sie uns die Medien auch heute immer wieder zeigen. Die Weltwidersprüche also, die uns alle bewegen und betreffen und doch kaum Eingang in die Kunst finden.

Wir danken Thomas Hirschhorn für diese Arbeit, die obgleich 2005 bereits in Reykjavik und Porto ausgestellt, wie für die Räumlichkeiten der kestnergesellschaft geschaffen scheint. Unser Dank gilt des Weiteren Isabelle Jeuffroy, Antenne Culturelle Niedersachsen, die uns durch ihr Engagement geholfen hat, die Präsentation von The Procession in der kestnergesellschaft zu verwirklichen. Für ihre Unterstützung danken wir daneben Pro Helvetia und der Accor-Gruppe sowie für die gute Zusammenarbeit den Kollegen vom Living Art Museum in Reykjavik und vom Museu Serralves in Porto, der Galerie Arndt & Partner, Hirschhorns Pariser Atelier, sowie selbstverständlich den Autoren Marcus Steinweg und Sebastian Egenhofer.

 
 

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