Über The Procession

Thomas Hirschhorn, Aubervilliers, 20. Februar 2006

Es kann nie darum gehen, dass meine Arbeit als Kunst wahrgenommen und verstanden wird. Es geht überhaupt nie darum Kunst zu machen, ein Kunstwerk zu machen. Meine Arbeit ist Kunst, damit ist diese Frage für immer geklärt. Wenn nun jemand also zu meiner Arbeit sagt: "das sei doch gar keine Kunst" oder "das kann ich auch" ist das kein schlechtes Zeichen, denn es zeigt mindestens auf, dass diese Person durch meine Arbeit nicht ausgeschlossen ist und dass sie nicht eingeschüchtert ist. Es ist vielmehr ein erster Schritt auf meine Arbeit hin, der erste Schritt, der Wichtigste, der Schritt, den Kunst ermöglicht – ohne Vermittler, ohne Berater, ohne Kommunikation und Information. Denn Kunst besitzt die Kraft – als Kunst – die Bedingungen zu einer Konfrontation oder zu einem Dialog zu schaffen. Von Eins zu Eins – in einer direkten Berührung. Ich will eine Arbeit machen, die es wagt die Nicht–Kunst zu berühren. Nur in dieser Berührung beweist sich doch Kunst als Kunst und in dieser Berührung liegt die Chance den Anderen einzubeziehen, ihn nicht auszuschließen und ihn nicht zu neutralisieren. The Procession ist eine Skulptur, in der sich der Betrachter bewegen kann. Es ist ein ausgelegter, ausgebreiteter "Protest". Ein dreidimensionales Manifest. Ich liebe die Skulpturen, die bei Protestmärschen oder Demonstrationen mitgetragen werden. Es sind schnell gemachte Objekte, die eine eindeutige Mission haben: einem Missstand Form zu geben! Ich liebe diese Objekte, weil sie universal sind. Sie besitzen die utopische Kraft einer universalen Bildsprache! Auf der ganzen Welt gleicht sich das Ritual des Sargtragens. Es ist ein Manifest der Trauer. Ob es sich nun um den Sarg eines verstorbenen Staatsmannes, um den Sarg eines Revolutionärs, um den Sarg eines Märtyrers oder um den falschen – oder leeren – Sarg Arafats handelt, den seine Landsleute im Gaza-Streifen – zum gleichen Zeitpunkt wie den "richtigen" Sarg im West-Jordanland zu "Grabe getragen" haben, ist nicht wichtig. Gleichbedeutend der Sarg, der mitgetragen wird – um die zukünftigen Toten zu beschwören – mit dem Sarg des dann wirklich toten Soldaten! Der Sarg, der mitgetragen wird bei einer Demonstration, die eine Schließung eines Industriewerkes verhindern will, ist so wichtig wie "der Sarg" der realen Arbeitslosigkeit. Der Sarg wird zum Symbol der Traurigkeit. Einer Traurigkeit ohne Hierarchie.

Ein Sarg wird mitgetragen. Ein Sarg, der eine passive Skulptur ist, der das Tote und das Sterben symbolisiert, wird durch die ihn tragenden Hände aktiviert. Er ist aktiv. Die absurde "Aktivität" des Sarges – was immer er auch be-deutet, ob er leer ist oder nicht, er ist die Referenz und Inspiration für die Arbeit. The Procession. Die Dringlichkeit, die Notwendigkeit, das beschwörende oder selbst beschwörende kollektive Ritual des Sargtragens und der dadurch entwickelte Widerstand interessieren mich bei dieser Arbeit. Der Widerstand zwischen dem passiven Objekt und den ihn in Bewegung setzenden Händen. Es geht nicht um Ehre oder um Religion. Es geht nicht um Trost.

Von tausenden Händen getragen, von tausenden Händen berührt, wurde der Sarg Arafats von der vorgesehenen Bestattungsstätte abgedrängt. Er entschwebte seinem vorgesehenen Bestimmungsort durch eine unkontrollierbare Kraft. Diese Kraft war für mich der Leitgedanke bei dieser Arbeit. Ihr wollte ich eine Form geben. Zu dieser Form gehören die handgefertigten Dekorationen, die Beschriftungen, die Mitteilungen, die zusammenhanglosen und trotzdem Sinn machenden Botschaften auf den Särgen, die sie begleiten – ja die Särge zum Träger ihrer Botschaft machen – so als ob der Verlust selbst in einer Umwandlung zum Sprachrohr wird. Diese geheimen Zusammenhänge will ich an die Oberfläche bringen – ihnen eine Form geben. Wie immer geht es bei The Procession nicht um die Aktualität. Es geht darum durch die Aktualität über das Aktuelle einer Tatsache hinauszugehen. Dafür setze ich mich ein, das will ich als Künstler.

Dabei sind Missverständnisse und Fehlinterpretationen nicht auszuschließen. Es ist eine Notwendigkeit für mich, zu versuchen die Grenze der Theorie – wie auch die der Praxis (meiner eigenen künstlerischen Praxis) zu sprengen. Es ist zwingend, dass ich kopflos, ungehorsam, eigenständig, verbohrt und ohne jede Absicherung arbeite. Ich muss immer alles aufs Spiel setzen. Ich muss immer alles wagen, ich muss immer alles riskieren. Wenn ich das tue und, wenn ich nur von mir ausgehe, von dem, was nur ich sehe, was nur ich so sehe, [Die Arbeit The Procession ist dafür ein Beispiel] nur dann habe ich eine Chance, dass meine Arbeit den Anderen implizieren kann! Und es ist klar, dass jemanden implizieren nicht heißt, dass meine Arbeit, "verstanden" wird oder dass meine Arbeit "funktioniert" Es geht darum, dass ich etwas mache, was nicht funktionieren kann! Es geht darum, dass meine Arbeit das Unverständnis aushalten kann, es geht darum, dass meine Arbeit ohne Argumentation es wagt sich mit der Realität zu konfrontieren und mit ihr zusammenzuarbeiten, um einen Impakt zu erzeugen und um Durchschlagskraft zu haben. Ich will eine Arbeit machen, die an die Souveränität des Betrachters appelliert. An seine Souveränität, ein Urteil fällen zu können. Auch ich will versuchen souverän zu sein und eine Arbeit zu machen, die frei ist, die von mir ist und nur von mir! Ich will Verantwortung tragen für meine Arbeit und ich will verantwortlich sein für meine Arbeit ohne mich selbst zu neutralisieren!

 
 

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